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KI in Film & Serien: Warum wir nicht wegschauen können

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) begleitet und fasziniert uns seit Jahrzehnten – sowohl vor als auch hinter den Kameras. Wir wollen den Tag des Fernsehens zum Anlass nehmen, um die filmische Vergangenheit und Gegenwart von KI an Hand von vier Beispielen kurz unter die Lupe zu nehmen.

Vorab ein kleiner Hinweis: Es werden Inhalte aus Westworld, WandaVision, Star Trek: Discovery und Severance erwähnt, die als Spoiler angesehen werden können.

Schlagzeilen mit realer Künstlicher Intelligenz

Der anhaltende Aufwind in der KI- und Quanten-Forschung sorgt natürlich täglich für verheißungsvolle Nachrichten. Zwei Themen sind für unseren Artikel aber besonders spannend: Einerseits hat im Juni ein Mitarbeiter von Google offen spekuliert, dass ein Google-Chatbot Bewusstsein erlangt hat. Er wurde in Folge entlassen und seine Mutmaßungen relativiert.

Andererseits gab es in Großbritannien eine Premiere im House of Lords: Der Roboter-Dame Ai-Da wurden Fragen über die Fähigkeiten kreativer KI gestellt. Beachtlich ist dabei die Ernsthaftigkeit der Befragung an sich, die allerdings spätestens dann einen Dämpfer erfuhr, als Ai-Da „einschlief“ und neu gestartet werden musste.

Doch auch ausbleibende Schlagzeilen sollen nicht vergessen werden: Was wurde etwa aus Elon Musks Tesla Bot, der letztes Jahr vorgestellt und inzwischen bereits erhältlich sein sollte? Twitter hat offenbar dieses Jahr zu viel Zeit in Anspruch genommen.

Entwicklungen in der Fernsehwelt

Dass die reale Welt, unsere Hoffnungen und Ängste, die Inhalte von Film und Fernsehen stark beeinflusst, sollte niemanden überraschen. Da Künstliche Intelligenz in aller Munde ist, tummeln sich natürlich auch entsprechend viele Projekte in unserer Medienlandschaft. Ob Film, Streamingportale oder Fernsehen – die Ideenvielfalt ist ungebremst.

Wobei wir hier gleich einhaken müssen: Eine (Not)bremse hat gerade erst HBO gezogen, indem sie die nächste Staffel von Westworld abgesagt haben. Dass damit kaum jemand gerechnet hatte, zeigt schon die Formulierung der Schlagzeile: „Schock Decision“. Jonathan Nolan hatte eine weitere (und letzte) Staffel der Emmy-prämierten Serie geplant. Ob der Cliffhanger nun aber aufgelöst werden kann, steht aktuell in den Sternen.

Für das Westworld-Franchise ist das jedenfalls nichts Neues. Seit den 70ern begleiten Filme und Serien aus dieser fiktiven Welt unseren realen technischen Fortschritt. Im 1. und 2. KI-Winter (Phasen, in denen die Weiterentwicklung von KI-Strategien aufgrund technischer Limitierungen stockte) machte Westworld eine Pause (bzw. floppte mit Futureworld). Wir sind uns jedoch sicher, dass die Entscheidung von HBO keinen weiteren KI-Winter einleiten wird 🙂

Doch warum hat das Interesse der Zuseher an der Serie nachgelassen? Ein möglicher Grund kann sein, dass Westworld mit einer sehr hohen Geschwindigkeit auf eine Dystopie zusteuerte und damit das Ende der Menschheit einläuten wollte. Während die erste Staffel der Serie im Jahr 2016 noch vor allem mit den facettenreichen Androiden punktete, deren philosophische Reise zum Selbstbewusstsein das Kernthema war, können die folgenden Staffeln vor allem mit einem Wort zusammengefasst werden: Rache. Und drei Staffeln sind dafür wahrscheinlich auch genug.

The Maze, Westworld, Copyright: HBO
The Maze, Westworld, Copyright: HBO

Kann man das Ende also diesmal auf die kreativen und inhaltlichen Entscheidungen schieben? In ihrer Gänze und im direkten Vergleich mit dem letzten Versuch, eine Westworld-Serie zu starten (1980, abgesetzt nach drei von fünf Episoden), kann die neuere Iteration mit vier Staffeln jedenfalls als Erfolg angesehen werden.

Das Selbst und Mind-Games im Fokus

Was tat sich in anderen Serien in den letzten Monaten?

Beginnen wir als Kontrast mit dem aktuell erfolgreichsten Franchise: MARVEL. Hier würden wir gerne stundenlang über die LMDs und das Framework aus Agents of SHIELD schreiben, fokussieren uns aber stattdessen auf den bekanntesten Androiden aus dem MCU: Vision. Seit Avengers: Age of Ultron hat sich das Narrativ hier stark verändert. Haben wir 2015 noch einer KI zugeschaut, die die Welt zerstören (und einer anderen, die sie retten) wollte, haben wir letztes Jahr in WandaVision einen völlig anderen Showdown erlebt: Vision und White Vision beendeten ihren Konflikt mit einem (sprichwörtlichen) Gedankenexperiment.

Vor dem Pardoxon des Schiffes von Theseus reflektierte White Vision seine eigene Existenz, bevor er eine gewalttätige Auseinandersetzung als unlogisch ansah und verschwand. MARVEL scheint verstanden zu haben, dass wir keine unmotivierten Killerroboter sehen wollen, sondern Nuancen, die uns die Charaktere verstehen lassen. Zugegeben hatte auch Westworld diese Kurve gekratzt, allerdings offensichtlich zu spät.

Bevor wir ins All und die ferne Zukunft entfliehen, soll noch schnell ein Überraschungs-Hit von Apple TV erwähnt werden: Severance. In einem Black Mirror-ähnlichem Setup wird hier das Bewusstsein von Mitarbeiter:innen in zwei Welten aufgeteilt: Was in der Arbeit passiert, bleibt dort, und über das Privatleben des Menschen weiß der/die Angestellte rein gar nichts. Beim Check-In/Out tauscht also das Bewusstsein einer Person mit jenem einer anderen den Platz. Zwei Identitäten teilen sich – zeitlich versetzt – einen Körper.

Auch hier ist zu beobachten, dass die menschlichen Aspekte und die einzelnen Charaktere die Stärke der Geschichte sind. Severance schleicht sich quasi aus der anderen Richtung an: Nicht Roboter werden menschlich, sondern die Digitalisierung unseres Verstandes wird beleuchtet. Folgt man dem Verlauf der Serie, wird man zudem von der Tatsache überrumpelt, dass nicht die Technologie die dystopischen Zustände zu verantworten hat, sondern der menschliche Gegenpart außerhalb der Arbeitswelt.

Dass das Storytelling rund um Künstliche Intelligenz nuancierter wird, zeigte Ende letzten/Anfang diesen Jahres die Serie Star Trek: Discovery. Die Etablierung des Bewusstseins und der Emotionen der KI Zora sind einer der Grundpfeiler der gesamten Serie. In der aktuellsten Staffel wurde Zora zum offiziellen Crew-Mitglied ernannt, was bisher den Regeln des Star Trek-Universums widersprach.

Star Trek Discovery "Stormy Weather", Copyright: Paramount+
Star Trek Discovery "Stormy Weather", Copyright: Paramount+

Grund dafür mag sein, dass Zora in ihrer aktuellen Ausprägung so nicht von Menschen geschaffen wurde. Sie ist stattdessen eine hybride Entwicklung aus Technologie und natürlicher Evolution, wenn man so will. Ihre Gefühle und Empathie sind aufgrund ihrer Erfahrungen und Erinnerungen entstanden. Heraus sticht dabei, ähnlich wie in der ersten Staffel von Westworld, die Dauer dieser Entwicklung und mit welcher Geduld sie auch den Zuschauer:innen serviert wurde. War es in den 70er-Jahren noch ein einfacher Bug oder Virus, der Maschinen schlicht zu Killern machte, steht heute die Rolle des Menschen, aber auch die „Gedankenwelt“ der Technologien im Zentrum von Erzählungen.

Seit 50 Jahren eine spannende Zukunft

Wir sehen, dass aktuelle technologische Entwicklungen in zahlreichen Facetten medial repräsentiert werden, und dass das Interesse daran keinesfalls abflaut. Unsere Rolle als Mensch zu reflektieren ist dabei nur die eine Seite der Medaille, denn in vielen Werken lässt sich auch etwas erkennen, das man vielleicht so zusammenfassen könnte: Empathie des Menschen für Technologie.

Philip K. Dicks Frage „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ (1968) ist heute also aktueller als je zuvor.

Harald Kerschhofer

Harald Kerschhofer

Harald war einer der ersten Entwickler bei link|that und produziert seit Abschluss seines Medienstudiums kreativen Content für und über unsere Produkte.

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